Erdwärme Grünwald: „Hinter dem Mehr an Kosten steckt ein Mehr an Leistung.“

Seit Wochen wird im Gemeinderat Grünwald diskutiert, warum beim Geothermie-Projekt der Erdwärme Grünwald die Kosten so gestiegen seien. Um diese „Kostensteigerung“ zu belegen, werden in der öffentlichen Diskussion immer wieder zwei Zahlen genannt: die allererste Schätzung der Projektkosten durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC im Jahre 2008, noch bevor die Gemeinde Grünwald die vormalige Astherm GmbH und die Quelle Laufzorn übernahm, in Höhe von rund 75 Millionen Euro und der aktuelle Wirtschaftsplan der Erdwärme Grünwald, der Investitionskosten von 150,4 Millionen Euro ausweist.



Andreas Lederle

Fragen dazu an Andreas Lederle, Geschäftsführer der Erdwärme Grünwald GmbH:


Frage: Wo kommen diese Mehrkosten her?

Andreas Lederle: „Es handelt sich zum ganz überwiegenden Teil nicht um Mehrkosten, sondern um Kostenmehrungen. „Mehrkosten“ nennt man, wenn ein und dieselbe Leistung teurer wird. „Kostenmehrungen“ nennt man, wenn sich der Umfang eines Projektes oder einer Leistung erweitert, wenn also Projektbausteine hinzukommen. Bei der Differenz zwischen der ersten PWC-Schätzung von 2008 und unserem aktuellen EWG-Wirtschaftsplan handelt es sich zu rund 90% um Kostenmehrungen. Das heißt: Das Geothermie-Projekt der Erdwärme Grünwald ist um wesentliche Projektbausteine angewachsen, und die kosten Geld.“


Frage: Welche Projektbausteine sind hinzugekommen?

Andreas Lederle: „Es sind vor allem drei große zusätzliche Projektbausteine: die Erweiterung des Fernwärmenetzes, die weitgehende Übernahme der Hausanschlüsse durch die Erdwärme Grünwald und der Wärmeverbund mit Unterhaching. Diese drei zusätzlichen Bausteine, die allesamt einstimmig bzw. mit großer Mehrheit im Gemeinderat Grünwald entschieden wurden, erfordern eine Investition von insgesamt 53,8 Millionen Euro. Die setzen sich wie folgt zusammen: 7,7 Millionen Euro für 48,2 Kilometer Netz statt ursprünglich geplanter 37,9 km Netz, 38,9 Millionen Euro für die Kostenübernahme von bis zu 30 Freimetern der geplanten1.700 Hausanschlüsse sowie der Hausanschlussstationen inklusive Wartung, sowie 7,2 Millionen Euro für den Wärmeverbund mit Unterhaching.


Frage: Warum haben Sie das Fernwärmenetz um 10,3 Kilometer erweitert?

Andreas Lederle: „Ganz einfach: Weil unsere Bohrung in Laufzorn so unerwartet gute Ergebnisse gebracht hat: Bis zu 130 Grad Celsius mit einer Schüttung von bis zu 140 Litern pro Sekunde, das ist eine der besten Geothermiebohrungen in Bayern. Und unsere Aufgabe ist es natürlich, die Quelle möglichst effektiv auszunutzen — das heißt aus der verfügbaren Energie Wärme und Strom zu machen. Das hervorragende Bohrergebnis sichert uns eine Gesamtwärmeleistung von ca. 40 MW — das sind 5 MW mehr als die ursprünglich erwarteten 35 MW. Die Gemeinde Grünwald hat daher entschieden, nachhaltig in erneuerbare Energie zu investieren und das Netz zu erweitern, um zusätzliche Wärmeabnehmer in Grünwald anzuschließen. Bereits nach zwei Jahren Bauzeit haben wir mit der Haupttrasse von Laufzorn bis zur Bavaria Film und wieder zurück zur Laufzorner Straße und den ersten Nachverdichtungen insgesamt 28 km Netz verlegt. Und 2013 kommen in der Nachverdichtung weitere rund sechs (?) Kilometer hinzu.“


Frage: Warum übernehmen Sie so weitgehend die Kosten der Hausanschlüsse? In anderen Geothermiegemeinden zahlt die jeder Kunde selbst?

Andreas Lederle: „Dem Gemeinderat war es wichtig, möglichst viele Grünwalder Haushalte und Unternehmen von der geothermischen Fernwärme zu überzeugen — auch diejenigen mit größeren Grundstücken. Deshalb hat der Gemeinderat am 31. Mai 2011 einstimmig entschieden, dass die EWG die Hausanschlussstation und die Hausanschlussleitung bis 30 Meter übernimmt; ab dem 31. Meter zahlt der EWG-Kunde nur 200 Euro netto pro Meter. Klar entstehen dadurch der EWG Kosten — aber das war es dem Gemeinderat wert, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger auf dem Weg der Energiewende mitzunehmen.“


Frage: Es gibt den Einwand, Sie hätten die Gesamtkosten für die Hausanschlüsse früher wissen müssen, es sei doch bekannt, dass viele Grundstücke in Grünwald weitaus größer seien als in anderen Gemeinden?

Andreas Lederle: „Was 1.700 Grünwalder Hausanschluss-Leitungen und die dazugehörigen Hausanschlussstationen kosten, ließ sich im Vorhinein definitiv weder rechnen noch schätzen. Denn natürlich wussten wir, dass es viele große Grundstücke in Grünwald gibt — doch was Sie vorher nie wissen können, ist, wer sich anschließen wird: Der eine Haushalt liegt direkt an der Straße, hat damit nur wenige Meter Hausanschlussleitung, der andere Haushalt hat ein großes Grundstück mit 50, 60 oder 70 Metern Leitungslänge. Deshalb sind wir in einer ersten Näherung bis Ende 2011 von durchschnittlich 15 Metern Hausanschlussleitung ausgegangen, das sind bereits drei Meter mehr, als deutschlandweit bei Einfamilienhausbebauung angenommen wird. Erst im Dezember 2012 lag uns erstmals eine valide Datenbasis von tatsächlich gebauten 100 Hausanschlüssen vor. Und da zeigte sich: Ein Grünwalder Hausanschluss ist durchschnittlich 27 Meter lang. So sind 24 % der Hausanschlüsse 31 bis 80 m lang, im Durchschnitt 59,5 Meter. Diese Mehrleistungen — nämlich durchschnittlich 27 Meter zu verlegen statt 15 Meter — haben wir dann im Januar 2013 in den Wirtschaftsplan aufgenommen.“


Frage: Sie haben 53,8 Millionen Euro Kostenmehrungen genannt. Addiert man die zu der PWC-Schätzung von 75 Millionen, liegen Sie bei 128,8 Millionen Euro. Ihr Wirtschaftsplan weist aber 150,5 Millionen aus — da fehlen noch 21,6 Millionen Euro. Wofür brauchen Sie die?

Andreas Lederle: „Hinter dieser Summe stecken Mehrkosten und weitere Kostenmehrungen. Mehrkosten stecken dahinter, weil aus Schätzungen konkrete Marktpreise im Rahmen von Ausschreibungen wurden — teurer gegenüber der PWC-Schätzung wurden zum Beispiel die Hausanschlussstationen oder teilweise auch die Rohrverlegearbeiten bei der Haupttrasse. Kostenmehrungen dagegen ergeben sich zum Beispiel bei unseren Dienstleistern, die für Planung und Qualitätskontrolle von 10 Kilometern mehr Netz natürlich auch einen entsprechend höheren Zeitaufwand einsetzen, bei der Spezifikation des Geothermie-Heizwerks in Laufzorn und bei der Spezifikation des geplanten Stromkraftwerks Laufzorn. Diese zusätzlichen Spezifikationen erhöhen nachhaltig die Effizienz der energietechnischen Anlagen in Laufzorn — und tragen damit zu unserem Ziel bei, die Quelle Laufzorn optimal für den Absatz von Wärme und Strom auszulasten. Das heißt: Hinter dem Mehr an Kosten steckt ein Mehr an Leistung. Und das auf Dauer. Im Grünwalder Energiewende-Warenkorb ist jetzt viel mehr drin.“


Frage: Ein Blick nach vorn — bleibt’s bei den 150,4 Millionen Euro oder kann das auch noch mehr werden?

Andreas Lederle: „Das kann mehr oder auch weniger werden. Das hängt ganz davon ab, ob die durchschnittliche Hausanschlusslänge bei 27 Metern bleibt oder nicht. Reduziert sie sich zum Beispiel auf 25 Meter oder darunter, freuen wir uns — weil nur eine kleinere Investition gebraucht wird. Erhöht sie sich zum Beispiel auf 30 Meter oder noch darüber, werden wir eine größere Investition im Wirtschaftsplan einstellen. Im Übrigen führen wir bereits Verhandlungen, um bei unseren Lieferanten und Dienstleistern Kostensenkungs-Potenziale zu erreichen. Das Projekt der Erdwärme Grünwald ist auf einem sehr guten Weg. Mehr Versorgungssicherheit, weniger CO2, dauerhaft günstigerer Wärmebezug für unsere Kunden — die heimische Energie Geothermie hat viele Vorteile. Wir werden die Erfolgsgeschichte der Erdwärme Grünwald mit großem Engagement fortsetzen.“


Danke Herr Lederle.

Letzte Änderung: 25.07.2013 17:30 Uhr